Der Zug der Dietzhölzbahn hält
auf der Station Steinbrücken. Da grüßt so freundlich ein hoher Berg über
einem kleinen Tal, das sich hier im Osten öffnet, zu uns herüber und ladet
uns zum Besuche ein. So sei denn heute dem „Schloßberg“, wie die Bevölkerung
hier den Berg nennt, unser Besuch gewidmet.
Heiß liegt die Sonnenglut in dem Tälchen, und die aufsteigende Straße nach
Roth strahlt die Hitze wieder aus. Ohne Schweißtropfen geht`s da nicht ab.
Aber ohne Schweiß kein Preis! Und oben winkt labender Schatten! |
Vor Roth zweigt der Weg zum Schlossberg rechts ab
und führt uns, damit wir leichter die Höhe gewinnen, erst eine Zeit lang
nach Osten. Dann biegt er nach Westen um. Noch wenige Minuten geht es im
dunkeln Fichtenwald bergan, dann sind wir am Ziel. Hier oben auf dem Gipfel
stand einst eine Burg der Landgrafen von Hessen – der „Hessenwald“. –
In geheimnisvolles Dunkel ist die Geschichte des Schlossberges gehüllt. Der
„heilige Berg“ wird er auf der Karte genannt, unser Berg, der seine
Nachbarschaft sichtbar überragt, und dessen Spitze ein mächtiger Felsen
bildet. |
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„Heiliger
Berg“ – soll das nicht die dunkle Erinnerung daran sein, dass hier einst
eine altgermanische Opferstätte war? Später mag dann hier etwa eine kleine
Kapelle oder die Einsiedelei eines Klausners gestanden haben. Eine alte
Sage, die sich freilich in ähnlicher Form auch für andere Gegenden findet,
erzählt, einst habe ein Hirte seine Schweine auf diesen Berg getrieben, und
da hätten die Tiere eine alte, versunkene Glocke in dem Boden aufgewühlt.
Diese Glocke wäre dann von den Leuten auf einen Wagen geladen worden, und
ein blinder Schimmel hätte die Last fortgezogen, bis er auf der Stelle der
heutigen Bergebersbacher Kirche angekommen wäre. Hier hätte der Schimmel von
selbst gehalten und hätte mit dem Hufe den Erdboden gestampft. Und das hätte
man als das Zeichen Gottes angesehen, dass ihm hier ein Haus zu seiner Ehre
erbaut werden sollte. |
Es ist dies die letzte Erinnerung daran, dass
hier im Mittelalter eine Burg gestanden hat – die Burg der Landgrafen von
Hessen, der „Hessenwald“.
Wohl nach der Zerstörung der Burg Dernbach bei
Herborn hatten sich hier um 1326 die Landgrafen von Hessen, Otto der Schütz
und sein Mitregent Heinrich II., der Eiserne, in ihrer Fehde mit den Grafen
von Nassau=Dillenburg durch Erbauung des Hessenwaldes einen neuen Stützpunkt
geschaffen. Eine stattliche Burg muß der Hessenwald gewesen sein, gibt doch
Landgraf Hermann der Gelehrte in dem um 1377 aufgestellten Schadenregister,
in dem er alle Sünden seiner Gegner aufzählt, die Baukosten von „Hessenwald“
auf 1 200 000 Schilde Turnos an, während die Baukosten von Wallenfels nur
350 000 Schilde Turnos betrugen.
Von dem Hessenwald aus, der seine ganze Umgebung überragt, gab es einen
weiten Luginsland. Von hier aus konnte den verbündeten Adligen von Bicken
im nahen Ebersbach bei feindlichen Einfällen rasche Hilfe gebracht werden.
Von hier aus ließ sich ins Dillenburger Land manch kühner Beutezug
unternehmen, und hier hinter den festen Mauern der Burg konnte man bei
Angriffen feindlicher Übermacht rasch sicheren Schutz suchen.
Was später mit der Burg Hessenwald, die zur Zeit des Landgrafen Hermann des
Gelehrten noch stand, geworden – wir wissen es nicht, ihr Name kommt in der
Geschichte nicht mehr vor. Nur die Chronik des Wigand Gerstenberg erzählt
noch einmal von ihrer Erbauung: „So bestunt der alte furste (Landgraf
Heinrich II., der Eiserne) zu buwen geyn den von Nassauw, unde buwetet zu
Ysemerade (Wallenfels bei Eisemroth) unde den Hessenwalt“.
Nur hat der Chronist irrtümlich die Erbauung in viel spätere Zeit gelegt.
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Die Burg ist heute verschwunden. Nur der in den Felsen gesprengte Halsgraben
und ein noch eben sichtbarer Mauerrest an der Südwestseite des Wallgrabens,
ebenso umherliegende Mauersteine, die alle Spuren von Mörtel an sich tragen,
und die im Osten der Burg gelegene Wasserstelle, deren Lage die Rother
Einwohner heute noch kennen, geben dunkle Kunde von ihr. Im Norden der
Felskuppe ruhen unter der Erde Fundamentmauern verborgen. „Versunken und
vergessen“, das ist das Schicksal des „Hessenwaldes“ gewesen. –
Wenn die Rother an langen Winterabenden ihre Spinnstuben hielten, da wurde
oft auch vom nahen Schlossberg gesprochen, von seinen verschütteten Kellern,
in denen noch allerlei Schätze schlummerten, und von der einen Stelle oben
am Berg, an welcher im Winter der Schnee nicht liegen bliebe, wo wohl der
Eingang zu den Kellern sei.
Was Wunder, wenn da manchmal auf dem Schlossberg geschatzgräbert wurde!
Einzelne Funde sind auch hier oben gemacht worden. In dem Halsgraben, der
vor mehreren Jahrzehnten von Steinbrücken ausgeräumt wurde, fanden sich
Hufeisen. Ein Kruzifix und eine kleine, mit fünf Löchern versehene
Eisenplatte brachte ein Rother Mann zu Tage. Leider sind diese Fundstücke
verkommen. In den letzten Jahren wurden nördlich der Felskuppe
Fundamentmauern blosgelegt und mittelalterliche Scherben dabei gefunden, die
den in den Ruinen der Burg Dernbach bei Gladenbach gefundenen älteren
Scherben ganz gleich sind. –
Nach der heißen Wanderung zum Schlossberg hinauf lässt`s sich hier oben im
Schatten auf den moosbewachsenen Felsen gut ruhen und träumen. Was das
leibliche Auge hier auf der Bergeshöhe nicht mehr sieht, das schaut jetzt
das geistige Auge:
Droben an der Felskuppe des heiligen Berges im Schatten versammelt.
Sonnwendfest gilt es zu feiern. Durch lodernde Sonnwendfeuer springt
jauchzend die Jugend. Oben am Felsblock bringen die Männer dem Sonnengott
ihre Opfer dar, und in die sinkende Nacht hinein klingt der Heilruf: „Heil
dir, Baldur, Heil!“ –Jahrhunderte weiter. – In das Dunkel der heiligen Haine
der Germanen sind die ersten Lichtstrahlen der frohen Botschaft von dem
Weltenheiland hineingedrungen. Rohgefügt steht vor uns auf dem heiligen Berg
ein kleines Haus, an dessen Dachbalken ein Glöcklein hängt, und vor dem Haus
aus zwei Stämmen gebildet ein ragendes Kreuz. Hier unter dem Kreuz erzählt
ein von fern her gekommener Mann der aufhorchenden Menge von dem Einen
wahren Gott, von Allvater, dem Guten, der die Menschen geschaffen und sie
liebt, und von seinem Sohne, dem Heiland und Herzog der Seelen, der in
blutigem Ringen den Bösen, der Menschheit Feind, bezwungen und sein Leben
dahingegeben zur Rettung für viele. Und wenn am Morgen und am Abend vom
Berge der zuvor nicht gekannte, zauberhafte und geheimnisvolle Klang des
Glöckleins ins Tal hinabklingt, dann raunen`s sich aufhorchend die Leute
unten zu: „Der heilige Mann redet mit seinem Gott!“ –Jahrhunderte weiter. –
Auf dem Schlossberg steht vor uns ein stattlicher Burgbau. Aus dem Tor des
Burghofes über die Zugbrücke reiten des Landgrafen reisige Knechte. Hinaus
geht`s aus der engen Burg ins Feindesland, um zu plündern und zu brennen,
auf „Nahme“ und „Brand“. Heisa, wenn der Wageritt gelungen, wenn die Mannen
am Abend beutebeladen heimkehren und dann kühler Labetrunk aus dem
Burgkeller ihnen die linde Maiennacht versüßt! Rauh klingt dann dazu das
Trutzlied der unter der Linde im Burghof bechernden Gesellen:
- „Hüte
dich vor dem Landgrafen von Hessen,
- Willst
du nicht werden gefressen!! –
Das Träumen ist zu Ende, die Wirklichkeit ist
wieder da. – Siehe! Ein alter Fuchs, der sich im ehemaligen Burgbering
seinen Bau gegraben, hat seine Behausung eben verlassen. Neugierig blickt er
eine Zeit lang umher. Dann trottelt er den Wald hinab, um dem Vorbild der
ehemaligen Burgbewohner zu folgen, um Beute zu erjagen.
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